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Lokales

Wie das „Quartier Im Diek“ die Daseinsvorsorge in Rieste neu definiert

Mathias Sander·

Ein Leuchtturm für das Leben im Alter: 

Wie das „Quartier Im Diek“ die Daseinsvorsorge in Rieste neu definiert

In der Hasegemeinde Rieste tut sich Bedeutsames: Mit dem symbolischen Spatenstich und der feierlichen Grundsteinlegung ist das ambitionierte Großprojekt „Quartier Im Diek“ offiziell in die Bauphase gestartet. Unter dem treffenden Motto „Tradition trifft Moderne“ entsteht direkt im Dorfkern ein vielschichtiges Multifunktionsgebäude, das weit mehr sein soll als eine bloße Ansammlung von Wohn- und Gewerbeeinheiten. Es ist der Entwurf für ein zukunftsweisendes Miteinander, das die Daseinsvorsorge und den Begriff der „Pflege“ im ländlichen Raum auf ein neues Fundament stellt.

Mit einer geplanten Fertigstellung im Sommer 2027 nimmt hier ein Projekt Gestalt an, das von allen Beteiligten schon jetzt als echter „Leuchtturm“ für die gesamte Region bezeichnet wird.

Architektur und Nutzung: Ein durchdachter Dreiklang

Der Entwurf der Architektin Heike Heilig setzt auf eine vertikale Strukturierung, die unterschiedliche Lebensbereiche harmonisch miteinander verbindet und den Raum optimal nutzt. Der Neubau teilt sich wie folgt auf:

  • Erdgeschoss: Hier zieht gebündelte Gesundheits- und Vorsorgekompetenz ein. Die etablierte überregionale Gemeinschaftspraxis der Hausärzte Dres. U. Haucap-Osterhaus und Christian Albrecht (bislang an der Bahnhofstraße 35) wird im Quartier expandieren. Direkt daneben erweitert die Physiotherapiepraxis Wiest ihr Angebot. Neben dem Hauptsitz an der Bahnhofstraße 21 entsteht hier eine großzügige Fläche für vielfältige Kurse – von Reha-Sport über eine Tanzschule bis hin zu Selbstverteidigungskursen für Frauen und Mädchen. Ein integriertes Café soll zudem als lebendiger Treffpunkt für jedermann dienen.

  • Erstes Obergeschoss: Diese Ebene ist für eine moderne Senioren-Wohngemeinschaft (Senioren-WG) reserviert, die von der Caritas-Nordkreis-Pflege betreut wird.

  • Zweites Obergeschoss: Im obersten Stockwerk entstehen sechs moderne, altersgerechte Wohnungen, die ein völlig selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglichen.

Das Leben im Dorfkern: Bereicherung durch Nähe und Begegnung

Dass das „Quartier Im Diek“ genau im Zentrum von Rieste entsteht, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer weitsichtigen städtebaulichen Planung. Die Entscheidung, ältere Menschen nicht an den Ortsrand zu drängen, sondern sie mitten im pulsierenden Leben des Dorfes anzusiedeln, hat einen unschätzbaren sozialen Wert.

Soziale Teilhabe statt Isolation

In vielen ländlichen Regionen droht Seniorinnen und Senioren im eigenen, oft zu groß gewordenen Haus die Vereinsamung, sobald die Mobilität nachlässt. Im neuen Quartier hingegen sind die Bewohner mittendrin: Der Gang zum Bäcker, das Beobachten des dörflichen Treibens vom Fenster aus oder das kurze Gespräch im hauseigenen Café – all das fördert die tägliche, informelle Begegnung. Die Senioren bleiben sichtbarer Teil der Dorfgemeinschaft.

Die perfekte Symbiose der Gesundheitsversorgung

Die direkte Nachbarschaft zu Hausärzten und Physiotherapeuten ist ein immenser infrastruktureller Pluspunkt. Für die älteren Bewohner bedeutet dies ein Höchstmaß an Sicherheit und Autonomie. Ein Arztbesuch oder die wöchentliche Krankengymnastik erfordern keine aufwendige Organisation von Fahrdiensten oder Taxis mehr. Sie sind mit wenigen Schritten – oder barrierefrei per Aufzug – im selben Gebäude erreichbar. Diese kurzen Wege entlasten nicht nur die Senioren selbst, sondern auch deren Angehörige und das Pflegepersonal der Caritas-Nordkreis-Pflege.

Zudem profitiert das gesamte Dorf von der Standortsicherung und Erweiterung der medizinischen Versorgung. Eva-Maria Herrmann, Leiterin des Caritas-Pflegedienstes Bersenbrück, bringt es auf den Punkt: „Den Begriff ‚Pflege‘ für das Quartier werden wir hier neu definieren.“ Es geht nicht um das bloße Verwalten von Pflegebedürftigkeit, sondern um das Schaffen eines Lebensraums, in dem sich die Menschen rundum wohlfühlen, wie auch Carolin Imwalle, Vorsitzende des Arbeitskreises „Leben und Wohnen im Alter“, betont.

Weitsichtige Politik: Wenn die Parteien an einem Strang ziehen

Ein Projekt dieser Größenordnung gelingt nur, wenn die politischen Rädchen nahtlos ineinandergreifen. In einer Zeit, in der politische Debatten oft von Polarisierung geprägt sind, zeigt der Gemeinderat in Rieste, wie konstruktive Kommunalpolitik zum Wohle der Bürger aussieht.

In der entscheidenden, öffentlichen Gemeinderatssitzung im Oktober wurden die entscheidenden Weichen gestellt. Es ging um den Verkauf des Grundstücks neben dem Diekplatz und die Bewilligung einer zweckgebundenen Förderung, die mit einer strengen Bindung von zehn Jahren versehen ist. Dass sowohl die SPD um Bürgermeister Christian Scholüke als auch die CDU-Fraktion diese weitreichenden Beschlüsse geschlossen mitgetragen und unterstützt haben, verdient besondere Anerkennung.

Dieser fraktionsübergreifende Konsens beweist, dass das Bewusstsein für den demografischen Wandel und die Pflicht zur Daseinsvorsorge über Parteigrenzen hinweg verbindet. Die Politik hat hier die historische Chance ergriffen, eine alte städtebauliche Idee – nämlich die angrenzende Fläche des Diekplatzes sinnvoll für einen Gebäudetrakt zu nutzen – in die Moderne zu führen. Gekoppelt mit der geplanten Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses durch die Gemeinde entsteht so ein echtes Zukunftsmodell für Rieste. Investitionen in dieses Quartier sind, wie es aus Ratskreisen treffend formuliert wurde, direkte Investitionen in die Lebensqualität und Zukunft des Dorfes.

Tradition und Aufbruch: Das Fundament steht

Wie gut das Zusammenspiel zwischen dem Investor Clemens Seelmeyer (CS Immo Ankum), der Gemeinde Rieste, der OS-Wohnbau Ankum und den ausführenden Gewerken funktioniert, zeigte sich auch bei der feierlichen Grundsteinlegung. Neben aktuellen Münzen, Bauplänen und einer Tageszeitung wurde eine alte Bestandskarte in der Zeitkapsel hinter dem Jahresstein 2026 eingemauert – ein symbolischer Brückenschlag von der Geschichte Riestes hin zu seiner Zukunft.

Bauherr Clemens Seelmeyer fand dafür bei der Feierstunde bewegende Worte:

„Wenn man hier steht, zwischen Sand, Steinen und Baukran, könnte man meinen, wir bauen einfach irgendein Gebäude. Aber wir wissen alle: Das hier wird viel mehr! Denn was hier entsteht, ist ein Ort, der uns besonders am Herzen liegt – ein Wohnquartier, das Menschen ein warmes, gemeinschaftliches und selbstbestimmtes Zuhause bieten soll. Heute legen wir das Fundament – nicht nur aus Beton – sondern aus Werten, Ideen und echter Überzeugung.“

Wenn im Sommer 2027 die ersten Mieter einziehen, die Praxisräume mit Leben gefüllt werden und der Kaffeegeruch durch das Quartier zieht, wird Rieste um ein Vorzeigeprojekt reicher sein. Ein Projekt, das zeigt: Das Alter im ländlichen Raum hat Zukunft – wenn man es gemeinsam anpackt.



Kommentar von Mathias Sander

Licht und Schatten im Dorfzentrum – Ein kritischer Blick auf das „Quartier Im Diek“

Es ist ohne Frage ein Meilenstein für Rieste, wenn ein Investor den Mut aufbringt, erhebliche finanzielle Mittel in die Hand zu nehmen, um die Zukunft unseres Dorfes aktiv mitzugestalten. Ein solches Großprojekt erfordert unternehmerisches Risiko und Tatkraft – das verdient Respekt. Das Konzept, altersgerechtes Wohnen mit einem Café als sozialem Treffpunkt mitten im Ortskern anzusiedeln, ist theoretisch ein Gewinn für das dörfliche Zusammenleben. Doch wo so viel Licht ist, gibt es leider auch lange Schatten, die bei all der berechtigten Freude über den Baubeginn nicht verschwiegen werden dürfen. Wenn wir ehrlich sind, hinterlässt das Projekt bei genauerem Hinsehen erhebliche ökologische und städtebauliche Fragezeichen.


Der ökologische Preis: Versiegelung statt Biodiversität

Mein wohl größter Kritikpunkt betrifft den Umgang mit der Natur und die architektonische Gestaltung der Außenflächen. Für das neue Quartier musste der bestehende, alte Baumbestand weichen. In der heutigen Zeit ist es architektonisch und bautechnisch absolut kein Problem mehr, alte Bäume geschickt in die Planung eines Neubaus zu integrieren. Hier wurde jedoch Tabula rasa gemacht.

Die betroffene Fläche mag im Vorfeld oft als „Brachfläche“ bezeichnet worden sein, doch in Wahrheit war sie eine lebendige Wiese mit Büschen und Bäumen – ein wichtiges Habitat für Insekten, Vögel und Amphibien. Gerade im dörflichen Raum und in direkter Nähe zur Straße bot diese vermeintlich unbedeutende Grünfläche den Kleintieren einen lebensnotwendigen Rückzugsort vor den Gefahren des Verkehrs. Dieser Lebensraum wird dem Dorfzentrum nun unwiederbringlich entnommen.

Was mir im gesamten Konzept völlig fehlt, ist der ökologische Gedanke in der modernen Architektur. Ein Blick auf die Pläne zeigt einen riesigen, vermeintlich komplett zugeteerten oder betonierten Parkplatz. Warum hat man hier nicht auf alternative, zukunftsweisende Lösungen gesetzt?

  • Rasengittersteine: Sie hätten die Fläche wasserdurchlässig gehalten und optisch aufgelockert.
  • Dachbegrünung: Ein begründetes Flachdach hätte einen Teil der versiegelten Fläche als Ausgleich an die Natur zurückgegeben und gleichzeitig das Mikroklima im Dorfkern verbessert.
  • Erhalt von Großbäumen: Neue, schattenspendende Bäume hätten den Charakter des Dieks wahren können.

Hier wurde die Chance verpasst, ein echtes Vorzeigeprojekt zu schaffen, das zeigt, dass moderne Daseinsvorsorge und gelebter Naturschutz Hand in Hand gehen können.


Das städtebauliche Paradoxon: Fortschritt oder bloße Verschiebung?

Ein weiterer Aspekt, der mich intensiv nachdenklich stimmt, ist die Logik hinter der Belegung der Gewerbeflächen. Uns wird das Projekt als riesiger quantitativer Sprung für die medizinische Versorgung verkauft. Aber stimmt das?

Die Arztpraxis Haucap-Osterhaus und Albrecht befindet sich bereits jetzt in unmittelbarer Nähe des Neubaus. Die Ärzte haben dort funktionierende Räumlichkeiten. Ja, diese mögen in die Jahre gekommen sein, aber anstatt neu zu bauen und weitere Natur zu opfern, hätte man diese bestehende Praxis mit Sicherheit modernisieren und energetisch sanieren können.

Das Ergebnis dieses "Bäumchen-wechsel-dich"-Spiels: Im Dorfkern entsteht zwar ein schönes neues Gebäude, aber das ist zu kurz gedacht und hat wenig mit nachhaltiger, vorausschauender Dorfentwicklung zu tun.


Fazit: Gut gedacht, aber nicht zu Ende geplant

Das „Quartier Im Diek“ ist ein wichtiges Projekt, keine Frage. Ich begrüße es, dass in Rieste neuer Raum für Seniorinnen und Senioren entsteht. Aber ich hätte mir von den Planern, Architekten und auch von der Politik, die dieses Projekt fraktionsübergreifend durchgewinkt hat, deutlich mehr Mut zu echter Kreativität gewünscht. Man hätte die jetzt neu entstehenden Räumlichkeiten nutzen können, um zusätzliche, neue Angebote nach Rieste zu holen, anstatt nur das Bestehende von A nach B zu verschieben. Und man hätte beweisen müssen, dass man im Jahr 2026 nicht mehr baut wie im letzten Jahrhundert. Ein bisschen mehr Grün, ein bisschen mehr Respekt vor dem bestehenden Ökosystem – dann wäre das Quartier nicht nur ein Leuchtturm der Pflege, sondern auch ein Leuchtturm für ein zukunftsfähiges, nachhaltiges Rieste geworden.

Mathias Sander

Seit über zwei Jahrzehnten tief in der Linux-Welt verwurzelt, verbinde ich fundiertes IT-Wissen mit ausgeprägtem Engineering-Know-how. Meine Begeisterung für komplexe Systeme spiegelt sich nicht nur im Amateurfunk wider, wo ich Wellen und Frequenzen meistere, sondern auch in handwerklicher Präzision. Ob beim Bau energieeffizienter Holzkonstruktionen, der nachhaltigen verwendung von Holz – ich schätze das Zusammenspiel aus digitaler Innovation, technischer Logik und traditionellem Handwerk. Ein lösungsorientierter Vordenker, der theoretische Konzepte nahtlos in die Praxis umsetzt und die Balance zwischen High-Tech und Natur lebt.

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